
Im volkstümlichen Sprichwort: Gesang ist doppeltes Gebet, spricht sich ein
intuitives Bewusstsein dafür aus, dass Kult und Liturgie wesensgemäß nach einer
musikalischen Gestalt verlangen. Der heilige Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius
von Mailand, der 339 in Trier geboren wurde und 397 in seiner Bischofsstadt
Mailand verstarb, sagt sogar: Christus in Ecclesia cantat - Christus singt in
der Kirche. Christus, als der eigentliche Träger der Liturgie der Kirche, singt
in ihr im Heiligen Geist das Lob des Vaters.
Diese Perspektive eröffnet die Einsicht, dass Musik in der Kirche, um echte
Kirchenmusik sein zu können, liturgische Musik sein muss oder noch deutlicher:
gesungene Liturgie. Diesen Ansatz finden wir auch bestätigt, wenn wir die Texte
der heiligen Messe oder das Officum Divinum, das Brevier, das die Kleriker
und Ordensleute pflichtgemäß als das Gebet der Kirche verrichten, zu Rate
ziehen. Der darin geborgene, gewachsene Gebetsschatz schöpft nämlich auffällig
oft und gern aus den Psalmen Davids. Diese Sammlung von 150 Psalmen können wir
mit Fug und Recht als das Gesangbuch der Bibel bezeichnen, und gerade dieses
Gesangbuches bedient sich die Kirche mit Vorliebe in ihrem öffentlichen und
amtlichen Gottesdienst.
Daraus ergeben sich bestimmte Folgerungen: Zunächst ist eigentliche Norm des
Gottesdienstes die gesungene Liturgie, im Bereich der Messe also die Missa
Cantata das anzustrebende Ideal und der Maßstab. Sodann kann demnach Musik im
Gottesdienst nie bloße Verschönerung sein, etwa damit es zu besonderen Anlässen
feierlicher und erhebender ist. Diejenigen, die in der Kirche singen: Priester,
Schola, Chor und Gemeinde, vollziehen mit ihrem Gesang einen eigenen
liturgischen Dienst, was besonders dann zutrifft, wenn der Gregorianische Choral
erklingt. Schließlich bedeutet das auch ein Ausschlusskriterium und gibt an,
welche Arten von Musik im heiligen Raum der Liturgie und im Kirchenraum weniger
passend oder ungeeignet sind.
Am Fest der heiligen Caecilia des Jahres 1903 hat der heilige Papst Pius X. ein
Motu proprio zur Erneuerung der Kirchenmusik veröffentlicht, in dem er schreibt:
Die Kirchenmusik muss in höchstem Maße die besonderen Eigenschaften der
Liturgie besitzen, nämlich die Heiligkeit und die Güte der Form; daraus erwächst
von selbst ein weiteres Merkmal, die Allgemeinheit. Diese Eigenschaften finden
sich in höchstem Maße im Gregorianischen Choral, besitzt in vorzüglichem Maße
auch die klassische Polyphonie. Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und
liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der
gregorianischen Melodik nähert; und sie ist um so weniger des Gotteshauses
würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt.
Diese Anhaltspunkte hat auch die Liturgiekonstitution des II. Vaticanums in SC
112 bestätigt, um sozusagen die Güteklassen liturgischer Musik einzuteilen. Den
ersten Rang nimmt unangefochten die Gregorianik ein, ihr folgt unmittelbar die
klassische Vokalpolyphonie und alle Schöpfungen, die, durchaus eigenständig, in
Anbindung und Fortführung dieser thematischen und stilistischen Traditionslinien
entstanden sind und entstehen.
Wo heute die Überlieferte Gestalt Römischer Liturgie gepflegt wird, muss auch
das orginär liturgische Bewusstsein von Wert und Würde der Kirchenmusik
verlebendigt werden. Diese Gestalt ist in eminenter Weise der Ort und Rahmen, in
den die kirchenmusikalischen Schätze der Jahrhunderte hineingehören. Liturgie
ist, recht verstanden, ein heiliges Spiel und ein theatrum sacrum. Die
Überlieferte Liturgie ist das ureigene Forum werkgetreuer Aufführung dieser
Kompositionen und inspiriert auch heute noch zeitgenössische Musik, die sie an
ihrem Genius teilhaben lässt.
Der gediegenen Pflege der Kirchenmusik kommt daher als echt liturgischer Dienst
in der von der Petrusbruderschaft betreuten und in der Innsbrucker Schloss- und
Wallfahrtskirche Mentlberg beheimateten Gemeinde in Choralschola und Ensemble
Sonoritas eine bewusst akzentuierte Vorrangstellung zu, welche, unter der
Initiative und kundigen Leitung von Herrn Matthias Melzer, auch bereits
ausserhalb der eigenen Gemeinde Ausstrahlung und anerkennende Beachtung gefunden
haben.