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Seit einigen Jahren erfreuen sich Wallfahrten und das Pilgern neuer Beliebtheit, besonders unter jungen Menschen.

Diese Wiederentdeckung des Pilgerns trägt Züge einer Mode-Erscheinung an sich, regelrecht die eines Booms.

Sogar Prominente machen sich auf den Jakobsweg. Damit wird es chique und trendig, zu pilgern. Menschen, die pilgern, werden nicht mehr milde belächelt, eher umgibt ihre Unternehmung das Fluidum alternativen Reisens.

Die Renaissance, die Wallfahrten auf diese Weise erleben, bietet einen Anstoß, hinter der Oberfälche des Phänomens nach dem tieferen Sinn und den Beweggründen von Wallfahrten zu fragen.

Zunächst gibt es Pilgerstätten, zu denen Menschen sich oft beschwerlich aufmachen, in allen Religionen. Als heilig erachtete Orte werden aufgesucht, um an ihnen die besondere Nähe des Göttlichen zu erfahren und der Gottheit in spezieller Intensität oder sogar exklusiv zu begegnen. Das menschliche Grundempfinden, einen Lebensweg mit Höhen und Tiefen bewältigen zu müssen und auf diesem Lebensweg zu einem nicht immer gewissen Ziel unterwegs zu sein, wird ausschlaggebend gewesen sein, dass man überall und zu allen Zeiten dieser Welt- und Selbsterfahrung eine religiöse Form geben wollte, was im Wallfahren und Pilgern geschieht.

Doch wenn wir einen Blick in das Alte und Neue Testament werfen, erkennen wir bald, dass die Motive des Aufbruchs, des Unterwegsseins und Pilgerns schon im Judentum charakteristische Konturen besessen haben, die im Christentum weiter ausgeformt wurden, so dass Pilgern eine spezifisch christliche Praxis ist, ja eine Umschreibung der Haltung, die das Leben als Christ bestimmt und ausmacht.

Die Auserwählung Abrahams und die Verheißung an ihn stehen unter dem Vorzeichen des Aufbruchs und sind mit Abschied von Verwandtschaft und gewohnter Umgebung verbunden (vgl. Gen 12, 1-9). Jakob wird von Isaak ausgesandt und träumt von der Himmelsleiter, die eine Verbindung zwischen Himmel und Erde schafft und auf der Gottes Engel auf- und niedersteigen. Den Ort, wo er diese Gotteserfahrung macht, markiert er mit einem Gedenkstein und gibt ihm einen neuen Namen, der 'Haus Gottes' bedeutet: ein Gnadenort ist gegründet (vgl. Gen 28, 1-22).

Weiters ist das Volk Israel das wandernde Gottesvolk, das auszieht aus der Knechtschaft Ägyptens. Und der Herr ist es, der diesen Auszug begleitet und schirmt: „Der Herr zog am Tage vor ihnen in einer Wolkensäule her, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht aber in einer Feuersäule, um ihnen Licht zu spenden, so dass sie bei Tag und Nacht wandern konnten. Nicht wich die Wolkensäule bei Tag und nicht die Feuersäule bei Nacht von der Spitze des ziehenden Volkes“ (Ex 13, 20-22). Die Kirchenväter sehen in dieser Wolken- und Feuersäule, in der der Herr selbst dem Volke vorauszieht, den Erlöser vor seiner Menschwerdung gegenwärtig, ähnlich wie Paulus an die Korinther schreibt, Chrisus sei der geistliche Felsen gewesen, aus dem die Israeliten tranken und der ihnen folgte (vgl. 1 Kor 9,4).

Christliches Pilgern meint daher nicht unstetes Umherwandern ohne Plan und Ziel, nicht Ruhe- und Rastlosigkeit, sondern Orientierung an Jesus Christus, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Der Heiland nennt sich bezeichnenderweise an erster Stelle „Weg“. Was folgt ist eine Steigerung hin auf das Ziel, und bei Jesus Christus stimmt dieser Satz, der oft unbedacht und vermeintlich originell dahingesagt wird, dass der Weg das Ziel ist. Dieses Ziel aber besteht im Leben, im Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10).

Jesus, Maria und Joseph sind uns Vorbilder im Pilgern: Zum Paschafest ziehen sie dem Brauch gemäß alljährlich nach Jerusalem (vgl. Lk 2, 41), und Jesus begleitet die Emmaus-Jünger als der Fremdling, der ihnen den Sinn der Schrift erschließt und sich schließlich im Gestus des Brotbrechens offenbart (vgl. Lk 24, 13-49).

Diesem Vorbild hat schon die ganz frühe Kirche nachgeeifert. Ein grundlegendes Zeugnis dafür ist der sogenannte Pilgerbericht der Egeria, einer Pilgerin, die vermutlich in den Jahren 381-384 von Konstantinopel aus eine Wallfahrt nach Jerusalem unternommen hat und zu einem Kreis frommer Frauen gehörte, dem sie ihre Reise zu den heiligen Stätten des Christentums in Briefform schildert. Darin gibt sie ihren Adressatinnen und heute uns einen klaren Einblick in die sich damals ausprägende Grundstruktur des Kirchenjahres und in die Liturgie der Kirche Jerusalems. In Kirchenjahr und Liturgie, so die bleibend gültige Erkenntnis, vollzieht sich ebenfalls eine Art Reise oder Pilgerfahrt. Eine Pilgerfahrt durch die Heilsgeschichte und eine rituell-sakramentale Vergegenwärtigung der Heilsereignisse.

Daher ist es sehr sinnreich, wenn im Staffelgebet der Römischen Messe, wie sie uns überliefert ist, mit Ausnahme der Passionszeit und der Totenmesse, der 42. Psalm gebetet wird, in dem es unter anderem heißt (VV. 2-4): „Denn Du bist meine Stärke, o Gott, warum hast Du mich verstoßen? Warum muss ich trauernd des Weges ziehen, vom Feinde bedrängt? Send mir Dein Licht und Deine Wahrheit! Sie mögen mich herausführen und mich hingeleiten zu Deinem heiligen Berg und in Dein Gezelt! So will ich zum Altare Gottes treten, zum Gott, der meine Jugend erfreut, auf der Harfe will ich Dich preisen, Herr, mein Gott!“

Pilgern ist in diesem Psalmwort gut beschrieben als das Gegenbild eines „traurigen Umhergehens“, es ist vielmehr grundsätzlich getragen von zuversichtlicher Aufbruchstimmung, will erfrischen, Jugendfrische und Freude schenken: Freude und Jugendfrische von Gott her.

Wenn wir daher die Wallfahrt wiederentdecken, reiten wir nicht bloß auf der Welle eines vielleicht kurzlebigen Trends, sondern stehen auf einem soliden Fundament biblischer Verankerung und kirchlicher Glaubenspraxis, die in der Volksfrömmigkeit unserer Vorväter eine gute Ausprägung gefunden hat, an die wir anknüpfen dürfen und sollen.

Dazu laden uns nicht nur die großen und berühmten Pilgerstätten in Heimat und Fremde ein, sondern ebenso die verborgenen und unscheinbaren wie unser kleines Wallfahrtskirchlein Mentlberg mit dem Gnadenbild der Schmerzensreichen Mutter auf der Gallwiese und der Grotte der Sieben heiligen Schläfer. Zahlreiche Votivbilder aus alter Zeit erzählen von den Nöten derer, die vom Feinde bedrängt traurig umhergingen, sich aber hierher aufmachten und Erhöhrung, Hilfe und Trost fanden.

Das Mentlberger Gnadenbild kam selbst auf verschlungenen Wegen und in unruhiger Zeit nach Innsbruck. Wenn wir uns vertrauensvoll an Maria wenden, wird sich viel Verworrenes und Verwirrendes in den Schwierigkeiten auch unserer Zeit und unsereres Alltags in Wohlgefallen auflösen, denn Maria ist stets die, die uns zu Jesus führt, dem Erlöser aller Menschen, in dem sich die prophetische Schau der Völkerwallfahrt nach Sion erfüllt: „Am Ende der Tage wird es geschehen: Da steht der Berg des Hauses des Herrn an der Spitze der Berge festgegründet und ragend über die Hügel, und alle Völker strömen zu ihm. Viele Nationen pilgern und sprechen: 'Auf, lasst uns steigen zum Berge des Herrn und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns seine Wege lehre und wir schreiten auf seinen Pfaden!' Denn Weisung geht aus von Sion, das Wort des Herrn von Jerusalem“ (Is 2, 2-3).